Legenden um das Lagertuning
Fest steht, dass sich manche Kugellager leichter drehen als andere. Daran besteht kein Zweifel. Daraus zu schließen, dass ein Nordic-Skate ein schnelles Sportgerät wird, wenn man nur die „richtigen Radlager“ einbaut ist jedoch völlig verkehrt. Fast alle serienmäßig hergestellten Cross-Skates werden schon mit geeigneten Radlagern ausgeliefert. Oft sind das recht günstige Lager mittlerer Qualität, die jedoch gegen Spritzwasser durch Dichtkappen und eine zähe Fettfüllung ausreichend geschützt sind. Entfernt man die Dichtung und auch die Fettfüllung, laufen sie sofort wesentlich leichter, aber haben bei Nässe und Schmutz so gut wie keine Lebensdauer mehr. Das wäre also keine Lösung.
Gibt es keine besseren und schnelleren Lager?
Jein! Schneller ja, aber ob sie besser sind, hängt von Einsatzzweck ab. Grundsätzlich „tun“ es die Serienlager, denn sich laufen ausreichend leicht, aber eben auch über längere Zeit zuverlässig beim Nordic-Skating-Einsatz.
Besonders aus der Inlinerszene wird gern der Begriff der ABEC-Toleranzen eingeworfen. Eine große Zahl, wie ABEC 9, deutet auf geringere Toleranzen bei der Herstellung und daher aufwändigere Herstellung hin. Das sagt aber noch nicht viel über den Leichtlauf oder das verwendetet Material aus. Lager mit größerer Lagertoleranz laufen sogar leichter und halten bei hochwertigem Stahl trotzdem sehr lange. Ein Lager kann auch präzise Hergestellt sein und absichtlich mit großem Spiel angefertigt sein z.B. für bestimmte Einsatzbereiche in der Industrie. Von ABEC-Standard spricht dann aber keiner mehr, weil es fast keine Rolle spielt.
Auch bei den derzeit wahrscheinlich „schnellsten“ Kugellagern aus Keramik ist der ABEC-Standard keine Frage mehr. Diese Lager sind praktisch fast verschleißfrei und würden ebenfalls ganz ohne Dichtung am leichtesten laufen, was wiederum dem Crosseinsatz widerspricht. Die Top-Keramiklager, die man bei Nordic-Skates oder Skikes (4 Räder pro Paar) einsetzen könnte, würden mit fast 600 Euro pro Satz zu Buche schlagen. Hochwertige Industrielager kosten selten mehr als 40 Euro pro Set.
Warum also Lagertuninig?
Es ist vor allem das Gefühl sein Sportgerät “getunt” zu haben. In den meisten Fällen ist ein Lagerwechsel doch eher überflüssig und Messungen bestätigen, dass das “gute Gefühl” dabei viel stärker ausgeprägt ist, als der messbare Vorteil. Das “am leichtesten laufende” Lager zu suchen, lohnt eigentlich nur bei Weltrekordversuchen, weil umgedichtete Lager (die einzigen die wirklich leicht laufen), schon bei einem Regenguss ihren Geist nach gerade einmal 5 bis 10 km aufgeben können.
Was sagen Freilauftests aus?
Unter einen Freilauftest oder Auslauftest versteht man, wie lange einangedrehtes Rad sich bis zum Stillstand weiter dreht. Genau genommen sagt das aber nur aus, wie lange ein unbelastetes Rad sich unter genau diesen unbelasteten Bedingungen dreht. Mit der Fahrpraxis hat das wenig zu tun. Der tatsächliche Leichtlauf kann nur in einem spezifischen Test ermittelt werden mit praxisgerechter Radbelastung, original Fahrtempo und einer genau simulierten Schrägbelastung um die Scherkräfte, die auf das Lager wirken, zu berücksichtigen.
Für den Leichtlauf eines Lagers ist also die Art der Abdichtung und das Material entscheidend, kaum die Lagertoleranz, die man in den ABEC-Klassen ablesen kann. Die Lagertoleranz ändert sich ohnehin nach dem Einlaufen, vor allem bei schlechter Stahlqualität, auf welche der ABEC-Standard überhaupt nicht hinweist. Die Nordic Skates insbesondere die Skikes brauchen vor allem gut gedichtete und langlebige Lager. Sie sind “auf Lebenszeit” gedichtet, was bedeutet, dass sich nicht gewartet werden, sondern weggeworfen werden, wenn sie in der Qualität nachlassen.
Wer mit der Fummel-Arbeit, des Lagerreinigens erst einmal anfängt, hat eindeutig zu viel Zeit, denn man müsste nach dem Zerlegen und Reinigen des Lagers, neues Lagerfett einbringen um das Lager wieder flott zu bekommen. Oft wird aber (aus Gründen des Leichtlaufs) nur dünnes Öl genommen. Die Abdichtung ist damit schnell dahin, ebenso die
Lagerfläche und oft auch die Kugeln.
Ein defektes oder völlig verschlissenes Lager dreht sich jedoch vielfach schwerer als ein neues Lager, egal welcher Qualität. So eine “Bremse” sollte man schleunigst ausbauen, auch deswegen, weil ein defektes Lager festfressen kann und dann das Rad blockiert.
Man muss sich vor allem selbst fragen: Will man nur kostengünstig fahren oder lieber „teuer schrauben“?
Wenn man Speed-Freak ist, sollte man dabei bedenken, wie sich die Fahrtwiderstande beim Skiken oder Nordic Cross-Skating zusammensetzen:
- Eine gute Fahrtechnik bringt mehr als 40 % Tempo
- Eine richtig gewählte Radlastverteilung kann mehr als 10 % im Tempo ausmachen
- Das Erlernen des Permanentschub-Skating-Stils bringt im Höchst- und Dauertempo 4 %
- Eine längere Stocklänge kann weitere 1 bis 5 % an Tempo bringen
- Beim Fahrtempo zwischen 20 und 25 km/h macht auch die Wahl der Kleidung gut 2 % des Tempos aus.
- Die Kugellager machen zwischen 1 und 3 % der Fahrtwiderstände beim Cross-Skating auf Skikes oder Powerslide aus. Eine Erhöhung des Reifendrucks um 0,5 bar bringt mehr und kostet nichts.
Die Kugellager sind also nur ein kleiner Faktor in der möglichen Endgeschwindigkeit. Es ist in unserem Sport besonders sinnvoll nicht auf gedichtete Lager zu verzichten, die als einzige eine ausreichende Lebensdauer erreichen.
von Frank Roeder cross-skating.de
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