Skating-Stock-Test: Ein Stock-Ferrari tritt gegen die Golf-Klasse an 1. Februar 2009
Fahrbericht zweier Mittelklassestöcke im Vergleich zum Profimodell CH-1 von KVplus
Der Begriff Mittelklasse hat bei vielen Produkten das Image des Vernünftigen. Mittelklasseprodukte zeichnen sich durch ein gutes Preis-Leistungsverhältnis aus und durch eine Qualität oder Ausstattung, die sehr deutlich über der von „Billigprodukten“ liegt. Und manchem genügt sein Mittelklasse-Produkt und er fühlt sich damit wie ein kleiner König.
Gut sind die beiden getesteten Mittelklasse-Stöcke durchaus, ob sie mit dem „Hochadel“ unter Skating-Cross-Stöcken mithalten können, haben wir versucht herauszufinden.
Die Kandidaten:
• LEKI Sport Blade Carbon, 75 % Carbon, Trigger 3 Schlaufengriff, 208 Gramm/Stock*, 119,95 €

• KVplus Tempesta, 90 % Carbon, Clipsytem mit Salomon-Schlaufe, 204 Gramm/Stock*, 89,95 €

Die Referenz:
• KVplus CH-1, 100 % Carbon, Clipsytem mit Salomon-Schlaufe, 180 Gramm/Stock*, 199,95 €

* bei 180 cm Länge
Wer bereits vom KVplus CH-1 gehört hat, dem erscheint der Vergleich mit Mittelklasse-Stöcken recht unfair. Die italienische Rollski-Nationalmannschaft fährt den Stock erfolgreich und das aus gutem Grund. Die Papierdaten des CH-1 sind beeindruckend. 56 Gramm pro Meter sind ein Wert den sonst kaum ein Carbonrohr erreicht. Sogar der 100 € teurere Swix Star CT1 trägt 3 Gramm pro Meter mehr durch die Lande. Zusammen mit dem Griffsystem, das ebenfalls zu den leichtesten gehört, ergibt sich bei 180 cm Stocklänge das Federgeweicht von nur 180 Gramm pro Stock. Diese große Länge wurde bewusst gewählt, damit die Stöcke ihre Qualitäten wirklich zeigen können.
Soweit die Zahlen, dies soll aber mehr ein Fahrbericht aus der Praxis sein.
Der Stockeinsatz mit dem CH-1 ist das reinste Vergnügen. Man kann Anfangs gar nicht genau sagen warum das so ist, aber kommt mit jedem Fahrkilometer immer mehr dahinter.
Dieser Stock lässt sich einmalig präzise einsetzten. Zum einem verdankt er das dem Gewicht, aber auch der extrem geringen Neigung zum Nachschwingen. Und dieser Stock verhält sich dabei gefühlsmäßig so steif wie ein Stahlträger. Wahrscheinlich ist es diese Eigenschaft, die beim kräftigen Abdruck das Gefühl von Direktheit vermittelt. Da biegt nichts durch, dieser Stock ist absolut fair zum Kräftehaushalt des Sportlers und gibt die Kraft exakt dorthin weiter, wo er sie hinhaben möchte Doch das kann zum Übermut verleiten und manches schnelle Manöver lockt, das man bisher auf Grund schwerer Stöcke kaum einüben konnte. Ja, es ist definitiv leichter eine schnelleren Rhythmus zu fahren, ja, auch hoher Krafteinsatz macht einfach mehr Spaß, ja, die Hemmschwelle neue Techniken auszuprobieren sinkt erheblich mit diesem Superstäbchen. Aber wenn solche Versuche schief gehen, kracht’s um so gewaltiger und niemand sollte darauf vertrauen, dass ein reinrassiger Profistock bei Stürzen angenehmer oder robuster reagiert als eine normale „Stange von der Stange“. In knalligem Neonrot ist der Stock auch optisch sehr außergewöhnlich und die Farbe ist wirklich so schrill, das sie sogar in der Dämmerung besser gesehen wird als mancher hellere Stock.
Ich selbst wollte den Stock beim Härtetest in der slowakischen Hohen Tatra gar nicht mehr aus der Hand legen und tat es auch nicht mehr. Das Fahrgefühl war einfach phänomenal, an einen eventuellen Stockdefekt habe ich lieber gar nicht gedacht.

Alles im allem ist der CH-1 ein Traumstock, der zu den Besten gehört, die es zur Zeit auf dem Markt gibt, ohne dass dieser Stock gleich in unerreichbare Euro-Regionen zwischen 300 und 400 € entschwebt.
Nun zu den Biedermännern, die gar nicht so bieder daher kommen wollen. Der germanische LEKI Sport Blade Carbon und sein Kollege der eidgenössische Tempesta von KVplus bilden ziemlich exakt die goldene Mitte im Sortiment des jeweiligen Herstellers. Der Kandidat von Leki sieht am sportlichten aus: Carbon-Look und neongelbe Schriftzüge, wie auch Griffenden machen ihn zum Hingucker. Der KVplus hingegen wirkt gerade durch seine unauffällige Anthazitlackierung besonders Edel.
In der Festigkeit der Lackes ist Leki der Stöcken von KVplus etwas überlegen, aber auch ein Leki ähnelt nach einigen unsaubern Stockeinsätzen oder Steinschlägen beim Schotter-Cross mehr einem Mögtegern-Kaktus als einem fabrikneuen Bleistift.
In den Stockspitzen unterscheiden sich die Stöcke nur optisch nicht aber in der Qualität. Alle drei Stöcke besitzen Hartmetallspitzen der besten Qualität, was bedeutet, dass man sie kaum früher als nach 250 km nachschärfen muss. Beim Wechseln der Spitzen sind die Stöcke von KVplus aber etwas kooperativer: Der verwendete Heißkleber schmilzt bei erheblich geringeren Temperaturen als bei Leki.

Der auffälligste Unterschied ist der Stockgriff mit dem Schlaufensystem. Leki verwendet das Trigger III System, das durch sagenhaft schnelles Aus und- Wiedereinfädeln glänzt. Daher wird dieser Griff jetzt auch zunehmend im Biathlon verwendet. Das Lösen der Schlaufenarretierung grenzt fast an Zauberei und kann auf Anhieb einhändig mit der Hand am Stock erledigt werden. Etwas umständlicher ist das Ver- und Entriegeln bei den Stöcken von KVplus. Hier muss am Griffkopf die Arretierung mit der anderen Hand hochgezogen werden. Dies erfordert die zweite Hand und etwas mehr Zeit. Dadurch, dass das System genial einfach ist, sind die Griffe aber leichter als die von Leki.
Der Griffbelag ist bei beiden Marken Verbundkork. Beim Leki ist es ein Inlay aus hellem Hartkork auf der Griffvorderseite, wärend eine dunklere weiche Korkschicht die KVplus- Griffe komplett umschließt. Nach knapp 300 km, teils heftigem Einsatz, zeigt der Kork am Leki-Griff jedoch deutliche Verschleißlöcher, während die Ummantelung des KVplus die Frechheit besitzt fast wie neu auszusehen.
Ein großer Unterschied besteht auch in den Griffschlaufen. Leki setzt auf harte undehnbare Gurte, die eine direktere Kraftübertragung gewährleisten sollen. Wem sie exakt passen und wer weniger zu Handsehenreizungen neigt, fühlt sich darin wohl. KVplus setzt mehr auf komfortable Weichheit und die Schlaufen schmiegen sich eher wie ein Handschuh an die oberen Extremitäten des Fahrers. Wer beim Abdruck häufiger schmerzhafte Druckstellen an den Händen bekommt, wird diesen Gurt eher schätzen und trotzdem seine Armkraft beherzter, weil schmerzfreier, einsetzten.


Genau umgekehrt empfindet man beim Fahren die Charakeristik der beiden Stöcke. Während der Leki sich beim starken Drücken, gerade in dieser großen Länge oft erheblich durchbiegt, bleibt der KVplus ziemlich unbeeindruckt. Der Tempesta bleibt erstaunlich steif, auch wenn extrem kräftig und nicht allzu sauber gepusht wird. Sportliche Fahrer dürften darin einen Vorteil sehen. Doch nicht nur das überrascht. Offenbar verstärkt die Steifigkeit und das geringere Nachschwingen des KVplus den Eindruck von Leichtigkeit, denn subjektiv empfand jeder der Tester den fast gleichschweren KVplus als eindeutig leichter als den Leki. Wie man sich täuschen kann.
Täuschen kann man sich aber auch beim Blindvergleich mit dem CH-1 der gleichem Marke. Wenn der geringe Unterschied im Klang beim Aufsetzten nicht wäre und man die 20 Gramm Gewichtsdifferenz mit Gewichten ausgleichen würde, wäre es nur schwer möglich einen eindeutigen Unterschied festzustellen. Aber es ist möglich, eben der feine Unterscheid zur absoluten Oberklasse. Doch als stiller Geheimtipp, darf man dem Tempesta durchaus das Prädikat „solider Landadel für Sportliche“ verleihen. Wer auf totalen Komfort beim An- und Ablegen der Schlaufen Wert legt, sollte zum Leki greifen. Denn der Leki ist ein luxuriöses Modell für Tour und Training das man nur dann nicht benutzen sollte, wenn man die erwähnten Probleme mit den Händen hat.
In beiden Fällen erhält man jedoch erstaunlich viel Stock für sein Geld – den meisten dürfte es jedenfalls genügen. Wem auch das nicht ausreicht: Der CH-1 ist zwar ein paar Euro billiger, aber nicht minder sportlich als ein Ferrari und durch das weiche Schlaufensystem auch äußerst langstreckentauglich.
Doch zu einer Sache taugt keiner der Stöcke: Zum Golfspielen!
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